Der Pool, der Pop und der Tod

Von Harald Staun, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

17. Juli 2004 Er stank und er schwitzte, als er im überfüllten Zug einen Platz suchte, er hatte noch die martialische Kleidung an, die er in den vergangenen Wochen kaum gewechselt hatte, und an seinem Rucksack baumelte ein Militärhelm. Er hatte auf dem Boden geschlafen, die vergangenen beiden Nächte, vor seinem Abflug nach Ramstein, und als er endlich einen Platz im Abteil gefunden hatte, da fing er langsam an, die seltsame Stille zu bemerken. Die Leute um ihn herum sahen ihn nur verwundert an, als wollten sie fragen: "Wo kommen Sie denn her?" Und als es dann tatsächlich jemand tat, klang es wohl ein wenig zu lapidar, als er antwortete: "Aus Bagdad."

Einen Monat lang hatte der amerikanische Filmemacher Michael Tucker im Februar in der irakischen Hauptstadt verbracht, wie schon im vergangenen September, und das Chaos auf den Straßen tobte jetzt in seinem Kopf weiter. Noch immer zuckte er zusammen, wenn Autotüren knallten, aber vor allem hatten die Bomben sein Weltbild erschüttert. Er war gegen diesen Krieg gewesen, vorher, aber nun konnte er nicht mehr gegen die Soldaten sein, die ihn noch immer kämpfen müssen, auch wenn offiziell nicht mehr vom Krieg die Rede ist.

Vielleicht wäre es besser gewesen, in sein Land zurückzukehren, das so zerrissen war, wie er selbst, und nicht nach Prenzlauer Berg, nicht nach Deutschland, wo er seit drei Jahren wohnte, wo er sehr gerne wohnte, aber niemanden hatte, der seine Geschichte hören wollte.

Jungs, die das Abenteuer suchten und so schnell so alt wurden

Die Bilder gingen ihm nicht mehr aus seinem Kopf, Bilder von jungen Soldaten in einem fremden Land, von Männern mit kindlichen Gesichtern und von Kindern, die mit Steinen nach ihnen warfen, von Jungs, die das Abenteuer suchten und so schnell so alt wurden und am Ende nur noch nach Hause wollten. Ein paar dieser Bilder hatte er auch gefilmt, aber hier wollte sie niemand sehen, hier hatten sie sich ihr Bild schon längst gemacht, von den amerikanischen Soldaten.

Die deutschen Fernsehsender lehnten Tuckers Film geschlossen ab - nicht alle, weil sie ihn für unstrukturiert hielten oder fanden, „daß es im heutigen Umfeld der Diskussion um Folter und Zukunft des Irak ein solcher Film schwer haben wird, einen Sender zu finden”, wie es in einer Antwort hieß. Aber selbst die, welche ihn für das klarste Porträt der amerikanischen Soldaten im Irak hielten, befürchteten, das Publikum würde ihn nicht verstehen.

„Ich will, daß auch Leute meinen Film sehen, die für den Krieg sind”

Es stimmt schon: Tuckers Film „Gunner Palace” zeichnet ein völlig anderes Porträt der amerikanischen Truppen als der viel größere Irak-Film, als Michael Moores „Fahrenheit 9/11”. Er hat keine Agenda und keinen Feind, und vielleicht hat er deshalb in Deutschland auch keine Freunde. "Die Grautöne, die meinen Film interessant machen, werden hier als Unentschlossenheit ausgelegt", sagt Tucker, "ich will, daß auch Leute meinen Film sehen, die für den Krieg sind. Aber hier ist ja sogar die CSU dagegen." Dabei ist Tucker, der sich, wenn er es auf den Begriff bringen muß, als "leftwing" bezeichnet, von den Positionen Moores gar nicht so weit entfernt; er glaubt nur nicht an dessen Methoden: "Wenn man einen Soldaten fragt, welche Musik er hört, wenn er Menschen tötet, dann antwortet er natürlich etwas Dummes", sagt Tucker.

Der Siebenunddreißigjährige kommt selbst aus einer Soldatenfamilie, und wäre er daher nicht schon mit einer guten Ration Sympathie aufgebrochen, zum 2. Bataillon der 3. Feldartillerie, den sogenannten Gunners, die ihre Feldbetten im zerbombten Wochenendpalast von Saddam Husseins Sohn Udai aufgeschlagen haben, dann könnte man ihm durchaus unterstellen, von einer Art von Stockholm-Syndrom befallen worden zu sein.

Wie sonst käme er auf die Idee, die Truppe beim Besuch in einem Kindergarten zu begleiten? Oder jenen Soldaten zu zeigen, der gerade einen verdächtigen Iraker festnimmt und ihn freundlich fragt, ob die Fessel nicht zu eng sei? Auch in Amerika haben Tucker solche Szenen viel Schulterklopfen von der falschen Seite eingebracht. Aber ist es das, was man nach Abu Ghraib nicht zeigen kann im deutschen Fernsehen? GIs, die nicht foltern?

Babysitten und Bomben entschärfen

Es sind ja nicht alles Szenen, die die Einheit beim Babysitten zeigen. Immer wieder begleitet Tucker die Soldaten auf ihren Patrouillen, wenn sie Häuser durchsuchen und sogenannte IEDs entschärfen, "Improvised Explosive Devices", der Albtraum jedes Soldaten. Wie die Waffen der GIs, so richtet sich auch Tuckers Kamera auf die Menschen auf der anderen Seite, auch sie kann nicht immer zwischen Schuldigen und Unschuldigen unterscheiden, und doch kommt sie weiter, als es jeder Polemik gelänge. Weshalb es in Tuckers Fall tatsächlich eine Stärke des Films ist, daß er sich gar nicht erst um Objektivität bemüht. "Ich würde mich nicht als 'embedded' bezeichnen", sagt er, womit er nicht etwa betonen will, daß seine journalistische Unabhängigkeit gewahrt blieb. Im Gegenteil: Am Ende war seine Distanz zur Truppe auf ein Minimum geschrumpft: "Ich sagte 'wir', nicht 'sie'."

Doch "Gunner Palace" profitiert von diesem Schulterschluß, weil die Soldaten Tucker irgendwann nicht mehr als Beobachter wahrnehmen, und erst wer den Film sieht, merkt, wie groß überhaupt die Lücke war, die er schließt. Es ist der erste Film seit Beginn des Irak-Kriegs, der die Soldaten zeigt und zu Wort kommen läßt, der ihre Geschichte erzählt und ihre Körper sprechen läßt.

Der Krieg mag ein Krieg der Bilder sein, aber was die Soldaten betrifft, liegt der letzte entscheidende Schuß lange zurück: Er fiel am 7. April des vergangenen Jahres, als das symbolträchtige Foto des 7. Infanterieregiments auf sämtlichen Titelseiten der Welt zu sehen war, das Foto jener Soldaten, die gerade Saddams Hauptpalast gestürmt hatten und nun betont lässig in seinen Sesseln lümmelten und eine Zigarette rauchten.

Mit Pool und Putting Green

Man hätte schon damals gerne gewußt, wie ihr Leben weitergeht, und es ist wohl vor allem dem bizarren Quartier der "Gunners" zu verdanken, daß man glaubt, nun endlich eine Fortsetzung dieser Szene zu sehen. Daß die Besetzung von Udais Palast eher ikonographische als strategische Bedeutung hat, wird dabei sehr deutlich, auch wenn die militärische Zwischennutzung sich oft am Rande der Parodie bewegt.

Sie schwimmen in Autoreifen in Udais Pool und angeln in seinem Fischteich, Kommandant Bill Rabena schläft ganz selbstverständlich im runden Doppelbett des Diktatorensohnes, das aussieht wie aus einem Austin-Powers-Film, und wenn sie einmal Zeit haben, ein bißchen zu grillen und zu feiern, dann nennen sie das „Gunnerpalooza”. Schon als Tucker im vergangenen Jahr bei der Pressestelle der US Army nach einer geeigneten Einheit fragte, die er für eine Weile begleiten könnte, wähnte er sich eher in einem Reisebüro. "Nehmen Sie doch die 'Gunners'", bot man ihm an, "die haben einen Pool und ein Putting Green."

Daß keine dieser Szenen gestellt ist, dafür steht der Film selbst mehr ein als Tuckers Beteuerung. Und trotzdem ist das natürlich nur die halbe Wahrheit: Denn wie sich hier jeder auf seine Weise inszeniert, das ist gerade das Faszinierende an "Gunner Palace". Die gesamte Datenbank amerikanischer Kriegsfilme liegt dem Film als Referenz zugrunde - und es ist weder der Regisseur noch der Zuschauer, der diese Verweise herstellt.

Für die älteren Offiziere war es 'MASH', für andere 'Full Metal Jacket'

Ein halbes Jahrhundert Popkultur gewordene Militärgeschichte wird für die Soldaten zum Drehbuch: "Für die älteren Offiziere war es 'MASH'. Sie brachten Hawaii-Hemden fürs Barbecue am Pool mit. Für andere war es 'Platoon' und 'Full Metal Jacket'. Man konnte es daran erkennen, wie sie auf ihren Humvees fuhren. Sie ließen einen Fuß aus der Tür hängen - Hubschrauber mit Rädern. Für die Teenager war es 'Jackass' im Krieg", schreibt Tucker auf der Website zu "Gunner Palace". Es ist, als würden auch die Soldaten selbst noch auf diesen Film warten, auf ihren Film, der ihnen ein Rollenmodell für ihren eigenen Lebensstil liefert. "Für euch ist das alles nur eine Show", sagt irgendwann ein junger Soldat in Tuckers Kamera, "aber wir leben in diesem Film."

Es liegt also nicht unbedingt an den manipulativen Absichten des Regisseurs, wenn der Film vor Fiktion überquillt, und daß die Soldaten längst gelernt haben, ihre Rolle zu spielen - das ist wohl der Grund dafür, daß „Gunner Palace” selten aussieht wie ein klassischer Dokumentarfilm. Manchmal hilft Tucker nach, wenn er Hubschrauber mit Wagners Walkürenritt aus "Apocalypse Now" in den Sonnenuntergang fliegen läßt oder eine Fahrt im Jeep mit Musik der Doors unterlegt. Aber auch hier sind es seine Protagonisten, die sich viel hemmungsloser aus dem Arsenal der Popkultur bedienen, wenn sie auf dem Dach des Palastes einen Verstärker aufstellen und mit ihrer elektrischen Gitarre und einer Jimi-Hendrix-Version des "Star Spangled Banner" gegen die Rufe des Muezzins ankämpfen.

Wer das alles mit Spaß verwechselt, wird am Ende des Films sehr ratlos zurückbleiben, wenn die ersten Menschen sterben und mit ihnen die Überzeugungen, wenn die Soldaten die Sinnlosigkeit ihres Kampfes erkennen, den sie nur noch kämpfen, um am Leben zu bleiben. Es wäre sehr leicht, ein moralisches Fazit zu ziehen. Aber Tucker weiß, daß man keine einfachen Antworten geben muß, um den Krieg in Frage zu stellen; daß man sich nicht über die Soldaten lustig machen muß, um seine Lächerlichkeit zu zeigen.

Wenn Tucker an seinem Arbeitsplatz sitzt, fällt sein Blick auf ein Bild an der Wand. Seine Tochter hat es gemalt, es zeigt den Alexanderplatz, und darunter steht: "Welcome Papa!" Es ist sehr dunkel, dieses Bild, die Hochhäuser und der Fernsehturm sind schwarz, der Himmel ist tiefblau. Manchmal macht es ihm angst.

"Gunner Palace" hat noch keinen Filmverleih. Website zum Film mit Trailern und einem Tagebuch von Michael Tucker: www.gunnerpalace.com.

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

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